Dr. Erbe

Eltern-Themen-Abend am 08. Mai 2017
Thema:
„Wenn es brennt…!“
Zusammenarbeit von Schule und Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP)
Referent: Dr. Karlheinz Erbe (Kinder- und Jugendpsychiater)

„Ich komm‘ manchmal an meine Grenzen!“
Diese und ähnliche Aussagen waren Grundlage für den Eltern-Themen-Abend (ETA) am 08. Mai 2017 mit Dr. Erbe aus Bamberg. Gerade bei Fragen um Konzentrationsprobleme, Verhaltensauffälligkeiten, AD(H)S und Schuldruck sind es die Eltern, die mit ihren Kindern mitleiden und Unterstützung brauchen.

Lebenskonzepte haben sich verändert. Die Gesellschaft ist auf der neuen Suche nach Vorbildern insbesondere bei den Männern.

Die Erziehung in den Familien hat sich immer stärker „entgrenzt“, das heißt, auf der einen Seite wird mehr (Leistung) erwartet, auf der anderen Seite verlernen die Kinder zu warten und Grenzen einzuhalten.
Die Frustrationstoleranz wird dadurch stark gesenkt, was den Eigendruck erhöht und die Resilienz (die Fähigkeit, mit Stress umzugehen) geht gleichzeitig mehr und mehr verloren.

Wie kann es dazu kommen?
Dr. Erbe beschreibt es so: Entwicklung ist ein ständiges Auf und Ab. Es gibt Lebensphasen, die kritisch sind und in denen Stress normal ist (z. B. die Trotzphase oder die Pubertät). Innerhalb dieser Phasen ist es wichtig, Wertschätzung aufrecht zu erhalten und  gleichzeitig Grenzen des Trotzes einzufordern.

Darüber hinaus gibt es auch kritische Phasen, die „gemacht“ sind.
Hier sind vor allem die Übergangsphasen gemeint: der Übergang vom Kindergarten in die Schule, der Übergang von der 2. in die 3. Klasse, der Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe.
Gerade der Weg von der zweiten in die dritte Jahrgangsstufe der Grundschule be-deutet für viele Kinder eine große Herausforderung. In der 3. Klasse werden keine Grundlagen mehr vermittelt, sondern auf dieses Wissen aufgebaut. Das Können von Schreiben und Rechnen wird vorausgesetzt und die Kinder beginnen, sich zu vergleichen: „In welche Schule gehst Du nach der 4. Klasse?“.
In der Pubertät erfolgt ein Leistungsabfall, der bei Jungs stärker ausgeprägt ist als bei den Mädchen.

Zuhause konnte er/sie es…!
Eltern (und Kinder) erleben diese Situation immer:
Bei der Überprüfung des Gelernten zu Hause können die Inhalte wiedergegeben werden und es scheint, als ob der Lernerfolg gelungen ist. Am nächsten Tag in der Schule kann das Kind den Lernstoff aber nicht mehr vollständig abrufen und macht Fehler oder gibt im schlimmsten Fall ein leeres Blatt ab.
Die Ursachen hierfür sind vielfältig und können hier nicht in Kürze geklärt werden. Es ist aber stets zu beobachten, dass Eigenwahrnehmung und Eigenwertigkeit nicht stimmig sind.

Unmittelbar nach einer Lerneinheit sind viele Inhalte leicht abrufbar. Wenn Eltern dann abfragen, kann der Stoff oft mühelos wiedergegeben werden. Eltern geben auch keine Noten und überprüfen oft nur auswendig gelerntes Wissen. Es erscheint also so, als ob der „Stoff sitzen würde“. In der Schule aber ist der Geräuschpegel höher, oder Mitschüler machen abfällige Bemerkungen. Das erschwert es den Kindern, sich ausreichend zu konzentrieren.
Treten in dem Gesamtkomplex dann erste Unsicherheiten auf, kann es im Domino-effekt dazu kommen, dass es zum totalen Blackout kommt. Die Angst vor Repressa-lien zu Hause erhöht die Wahrscheinlichkeit des Versagens.

Wie kann die Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) hier helfen?
Die KJP ist ein Beratungsangebot, das sich in eine Vielzahl von Unterstützungsebenen einreiht. Der Unterschied zu den „allgemeinen“ Beratungsangeboten liegt in der vorgeschalteten Diagnostik. Auf sechs (6) verschiedenen Ebenen wird überprüft, welche  (medizinische, psychiatrische, psychologische, soziologische  und/oder pädagogische) Faktoren und Ursachen für einen Hilfebedarf vorliegen. Dies braucht zu Beginn der Beratung erst einmal viel Zeit.

Das (vorläufige) Abschlussgespräch gibt Unterstützung bei der Entscheidung über weitere Schritte.
Welche Schritte zu gehen sind, ist abhängig vom Gesamtergebnis der Untersuchung und kann von weiterer Beratung bei der Caritas bis hin zur Vergabe von Medikamenten sein.

Sind Medikamente bei AD(H)S notwendig?
Die Antwort ist Ja und Nein. Arzneimittel unterstützen den Heilungsverlauf und wir-ken (positiv) auf den Körper. Dabei ist es unerheblich, ob die Medizin wegen Schnupfen oder wegen ADHS eingenommen wird.
Diese Medikamente sind auch keine Drogen, weil es einen medizinischen Grund für die Einnahme gibt und sie eine heilende Wirkung erzielen.
Sie verändern auch nicht die Persönlichkeit, sondern beleben oder beruhigen (je nach Wirkart der Inhaltsstoffe). Die Medikamente können das Verhalten positiv be-einflussen. Unter optimalen Bedingungen geht der Behandlungserfolg so weit, dass sich das Verhalten des Kindes/des Jugendlichen bald nicht mehr von dem der Kinder/Jugendlichen ohne ADHS unterscheidet.

Was können Eltern tun?
Im Elternhaus und in der Schule gehören Fördern und Fordern klar zusammen. Es ist wichtig, Erfolge als erbrachte Leistung anzuerkennen und dieses auch an die Kinder zurückzumelden (Lob). Dieses Lob muss aber stets der Leistung angemessen sein, ansonsten verliert es seine Bedeutung.
Auf der anderen Seite ist es äußerst wichtig, dass Kinder schon früh auch Frustration lernen:
•    aushalten und warten (können)
•    Disziplin und Respekt (zeigen)
•    Durchhaltevermögen und Leistungserbringung
sind Schlagworte, die auch in der Erziehung immer häufiger nicht (genügend) eingefordert werden.

Wünsche möchten befriedigt werden. Kindern soll es an nichts fehlen.
Aber: wenn Wünsche immer gleich befriedigt werden und ich alles habe, was ich (scheinbar) brauche, habe ich nichts mehr, auf was ich hinarbeiten will und dann auch nicht mehr kann.
Entschleunigung ist hier das Zauberwort.
Tages-Rhythmus und Bewegung sind weitere Begriffe, die im Zusammenleben wichtig sind.
Grenzen setzen und deren Einhaltung einfordern sowie eine positive Form der Autorität in der Erziehung gehören ebenso unmittelbar dazu.

Sprache bestimmt Realität.
Sprechen, Denken und Handeln sind eng miteinander verknüpft. Was ich sage, hat Auswirkung auf meine innere Einstellung und auf das, was ich tue.
Das Erlernen von Motorik, Sprache und Sauberkeit gehört zu den ersten Entwick-lungsstufen eines Menschen. Das Miteinandersprechen und das gegenseitige Zuhören sind grundlegend für eine gute Entwicklung.


Fazit:
Als großes Ergebnis des Abends ist festzuhalten, wie wichtig es ist, im Austausch und im Gespräch zu bleiben. So erreichen wir (die für die Erziehung Verantwortli-chen), dass ein Gegeneinander-Ausspielen abgewendet wird.
Wir schaffen gemeinsam einen Rahmen, in dem die Kinder lernen können, an Grenzen zu stoßen und sich an diese Grenzen und Regeln zu halten. Aufmerksames Zuhören schafft die Grundlage für rechtzeitige Hilfe, die Eltern von Schule, Jugendsozialarbeit und KJP einfordern dürfen.

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